Wie viel ist uns frühkindliche Bildung wert?
Erzieherinnen und Erzieher begleiten Kinder in einer wichtigen Phase ihres Lebens. Gleichzeitig wird regelmäßig über Fachkräftemangel, Arbeitsbedingungen, Bezahlung und steigende Anforderungen in Kindertageseinrichtungen diskutiert.
Doch wie lässt sich die Arbeit pädagogischer Fachkräfte angemessen bewerten? Und welche Bedingungen braucht eine Kindertagesstätte, damit sie ihren Bildungs- und Betreuungsauftrag erfüllen kann?
Was gehört eigentlich zur Arbeit in einer Kita?
Von außen betrachtet besteht der Alltag in einer Kindertagesstätte vor allem aus Spielen, Basteln, Vorlesen, gemeinsamen Mahlzeiten und Aktivitäten im Freien.
Die Arbeit pädagogischer Fachkräfte umfasst jedoch weitere Aufgaben.
Sie beobachten die Entwicklung der Kinder, dokumentieren Entwicklungsprozesse, planen pädagogische Angebote und führen Gespräche mit Eltern. Hinzu kommen Teamsitzungen, organisatorische Aufgaben, Fortbildungen und gegebenenfalls die Zusammenarbeit mit Beratungsstellen, therapeutischen Einrichtungen oder anderen Fachstellen.
Besondere Aufmerksamkeit ist erforderlich, wenn bei einem Kind ein zusätzlicher Unterstützungsbedarf vermutet wird.
Dann müssen Beobachtungen eingeordnet und dokumentiert werden. Gespräche mit Eltern können notwendig werden. In manchen Fällen wird empfohlen, weitere Fachstellen einzubeziehen.
Damit stellt sich eine erste Frage:
Wie viel Zeit benötigen pädagogische Fachkräfte neben der direkten Betreuung der Kinder für diese Aufgaben – und steht ihnen diese Zeit tatsächlich zur Verfügung?
Wenn unterschiedliche Erwartungen aufeinandertreffen
Pädagogische Fachkräfte bewegen sich im Alltag zwischen verschiedenen Erwartungen.
Kinder benötigen Aufmerksamkeit, Sicherheit und individuelle Begleitung. Eltern wünschen sich eine verlässliche Betreuung und eine gute Entwicklung ihres Kindes. Träger müssen organisatorische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen berücksichtigen. Gleichzeitig bestehen gesetzliche und pädagogische Anforderungen.
Nicht immer lassen sich diese Interessen problemlos miteinander verbinden.
Besonders deutlich kann dies bei Entwicklungsgesprächen werden.
Was geschieht beispielsweise, wenn eine Fachkraft einen zusätzlichen Unterstützungsbedarf bei einem Kind wahrnimmt, die Eltern diese Einschätzung jedoch nicht teilen?
Wie weit reicht die Verantwortung einer pädagogischen Fachkraft? Wo beginnt die Verantwortung der Eltern? Und welche Unterstützung benötigen beide Seiten, damit solche Gespräche konstruktiv geführt werden können?
Wie wird Verantwortung bewertet?
Die Frage nach der Bezahlung pädagogischer Fachkräfte führt schnell zu Vergleichen mit anderen Berufsgruppen.
Solche Vergleiche sind allerdings schwierig.
Verantwortung kann sehr unterschiedlich aussehen. Beschäftigte in sozialen Berufen tragen Verantwortung für Menschen. Andere Berufsgruppen tragen möglicherweise wirtschaftliche, technische, medizinische oder organisatorische Verantwortung.
Auch Arbeitsbedingungen unterscheiden sich erheblich.
Die Tätigkeit in einer Kindertagesstätte ist beispielsweise überwiegend an einen bestimmten Ort und feste Betreuungszeiten gebunden. Homeoffice ist für die unmittelbare pädagogische Arbeit kaum möglich. Gleichzeitig bieten andere Berufe möglicherweise größere zeitliche oder räumliche Flexibilität.
Daraus ergibt sich eine grundsätzliche gesellschaftliche Frage:
Nach welchen Kriterien sollte die Bezahlung eines Berufes bestimmt werden?
Nach Ausbildung?
Nach Verantwortung?
Nach Belastung?
Nach Fachkräftemangel?
Nach wirtschaftlicher Wertschöpfung?
Oder danach, welche Bedeutung eine Tätigkeit für die Gesellschaft hat?
Welche Rolle spielt das Gehalt?
Auch die Lebenshaltungskosten unterscheiden sich regional erheblich. Mieten, Mobilität und alltägliche Ausgaben können dazu führen, dass dasselbe Einkommen je nach Wohnort eine unterschiedliche Kaufkraft besitzt.
Für Beschäftigte stellt sich deshalb nicht nur die Frage nach der Höhe ihres Gehalts, sondern auch danach, was sie sich davon leisten können.
Das betrifft selbstverständlich nicht ausschließlich pädagogische Fachkräfte.
Dennoch kann die Entwicklung für Kindertageseinrichtungen relevant werden, wenn Beschäftigte wegen der finanziellen Rahmenbedingungen ihre Arbeitszeit reduzieren, den Arbeitgeber wechseln, in eine andere Region ziehen oder den Beruf verlassen.
Dann entsteht eine weitere Frage:
Welchen Einfluss haben Gehalt und Arbeitsbedingungen tatsächlich auf den Fachkräftemangel in Kindertagesstätten?
Und ebenso wichtig:
Welche anderen Faktoren führen dazu, dass Fachkräfte bleiben oder gehen?
Was bedeutet Wertschätzung?
Der Begriff „Wertschätzung“ wird häufig verwendet. Doch möglicherweise verstehen Menschen darunter unterschiedliche Dinge.
Für manche bedeutet Wertschätzung ein angemessenes Einkommen. Andere denken zuerst an ausreichend Personal, gute Führung oder verlässliche Dienstpläne.
Auch Zeit für Vorbereitung, Dokumentation und Elterngespräche kann dazugehören.
Ebenso können Weiterbildungsmöglichkeiten, gesellschaftliche Anerkennung und ein respektvoller Umgang zwischen Eltern, Fachkräften und Trägern eine Rolle spielen.
Damit stellt sich die Frage:
Kann Wertschätzung überhaupt hauptsächlich über das Gehalt ausgedrückt werden – oder braucht es ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren?
Was passiert, wenn Fachkräfte die Kita verlassen?
Personalwechsel gehört grundsätzlich zum Berufsleben. In Kindertageseinrichtungen besitzt er jedoch eine besondere Dimension.
Kinder bauen Beziehungen zu ihren Bezugspersonen auf. Verlässt eine vertraute Fachkraft die Einrichtung, muss eine neue Beziehung entstehen.
Gleichzeitig können neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter neue Erfahrungen, Ideen und pädagogische Ansätze mitbringen.
Entscheidend könnte daher weniger die Frage sein, ob Personalwechsel grundsätzlich problematisch ist, sondern wie häufig er stattfindet und welche Ursachen dahinterstehen.
Ab wann wird Fluktuation zu einem Problem für Kinder, Teams und Einrichtungen?
Betreuung oder Bildung?
Auch die gesellschaftliche Vorstellung davon, was eine Kindertagesstätte leisten soll, spielt bei dieser Diskussion eine Rolle.
Ist die Kita in erster Linie notwendig, damit Eltern arbeiten können?
Ist sie hauptsächlich ein Ort frühkindlicher Bildung?
Soll sie soziale Unterschiede ausgleichen?
Soll sie Entwicklungsauffälligkeiten möglichst früh erkennen?
Oder soll sie vor allem ein geschützter Lebensraum sein, in dem Kinder spielen, Beziehungen aufbauen und sich entwickeln können?
In der Praxis treffen viele dieser Aufgaben gleichzeitig aufeinander.
Je größer jedoch die Erwartungen an Kindertageseinrichtungen werden, desto wichtiger wird die Frage, welche personellen und finanziellen Ressourcen dafür notwendig sind.
Eine Frage, die nicht einfach zu beantworten ist
Die Diskussion über Erziehergehälter lässt sich deshalb kaum auf die Aussage reduzieren, dass pädagogische Fachkräfte entweder „zu wenig“ oder „angemessen“ verdienen.
Dahinter stehen größere Fragen:
Welche Aufgaben soll eine moderne Kindertagesstätte übernehmen?
Welche Verantwortung tragen pädagogische Fachkräfte?
Welche Arbeitsbedingungen sind dafür erforderlich?
Wie viel Geld kann und möchte die Gesellschaft für frühkindliche Bildung ausgeben?
Und wie sollte dieses Geld zwischen Personal, Gebäuden, Verwaltung, Ausstattung und weiteren Aufgaben verteilt werden?
Vielleicht beginnt die eigentliche Diskussion deshalb nicht mit der Frage:
„Verdienen Erzieherinnen und Erzieher genug?“
Sondern mit einer anderen:
„Was erwarten wir von unseren Kindertageseinrichtungen – und welche Bedingungen sind notwendig, damit diese Erwartungen erfüllt werden können?“
Darüber lohnt es sich zu diskutieren.
Ich finde, die Diskussion über Wertschätzung in der Kita ist wichtig.
Dabei geht es für mich nicht darum, immer mehr zu fordern oder andere Berufe abzuwerten. Vielmehr sollten wir uns fragen, ob Verantwortung, Arbeitsbedingungen und Bezahlung noch in einem guten Verhältnis zueinander stehen. Wer gerne mit Kindern arbeitet, sollte diesen Beruf langfristig ausüben können, ohne dass finanzielle Sorgen irgendwann den Ausschlag geben. Wertschätzung besteht für mich deshalb aus beidem: ehrlicher Anerkennung und Rahmenbedingungen, die zeigen, dass diese Anerkennung auch ernst gemeint ist.